Dieser Artikel erschien Ursprünglich in der Ausgabe 01/2021 des Kirchenmagazins „Fritz“
Die Versöhnung
Von der „Kirche“ – katholisch, evangelisch, freikirchlich – fühlte er sich immer zurückgewiesen und ausgegrenzt. Deshalb bezweifelte Benjamin Kühme, ob eine katholische Bestattung seines Lebenspartners möglich sein würde. Sie war es – und zwar problemlos. Das kirchliche Ritual und die fürsorgliche Unterstützung durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Pastoralen Raums Wittekindsland halfen, dass die Hinterbliebenen alte Verletzungen und Entfremdungen überwinden konnten.
Text: Karl-Martin Flüter

Benjamin Kühme
Illustration von Birgit Kloppenburg
Wenn in der Adventskirche in Muckum die Glocke läutet, ist ihr Klang bis zum Habighorster Wiesental zu hören. Benjamin Kühme wohnt am Rand des Bünder Naturschutzgebiets in einem Fachwerkhaus, das direkt an das Tal grenzt– eine private Idylle mit einem Garten, in dem vom Grün überwucherte Skulpturen stehen. Weiter entfernt von den Menschen geht es nicht und doch ist Benjamin Kühme froh, wenn er im Garten die Glocken der Adventskirche hört. Auf dem Friedhof neben der kleinen Kirche ist das Grab seines Lebensgefährten Achim.
Benjamin Kühme wohnt jetzt allein in der großen Wohnung, die Achim, ein Innenarchitekt, auf dem Heuboden des ehemaligen Bauernhauses ausgebaut hat: eine große Wohnlandschaft, ein Ort für die Arbeit und das Leben. Zwei Schreibtische, Aktenschränke, Sitzecken, ein Fernseher, Bücherregale gehen in dem bis zum hohen Dach offenen Raum ineinander über. Unten ist eine verwinkelte Küche, unkonventionell und trotz der Enge praktisch. Ein großer Tisch dominiert den Raum, auf der Eckbank sitzt die Hauskatze, hinter ihr hängt ein Bild, das einen energischen Mann zeigt. „Er erinnert mich an Achim“, sagt Benjamin Kühme.
„Ich habe immer auf das Aber gewartet, darauf, dass die Beerdigung nicht möglich ist. Aber es gab keine Probleme.“
Benjamin Kühme ist Professor für Pflegewissenschaft. Er wusste, dass sein Lebensgefährt an einer schweren Krankheit sterben würde. Der Tod liegt etwas mehr als ein halbes Jahr zurück. Die Umstände des Todes, die Anstrengungen dieser Wochen haben Benjamin Kühme zermürbt. Damit umzugehen fällt ihm nicht leicht. Zu viel ist medizinisch und pflegerisch schiefgelaufen.
Trost hat Benjamin Kühme in dieser harten Zeit eigentlich nur bei einer Institution gefunden, von der er das vorher am wenigsten erwartet hätte: der katholischen Kirche.
Achim ist katholisch aufgewachsen, er hatte sich wegen der Einstellung der Katholischen Kirche zur Homosexualität von der Kirche entfernt, fühlte sich ihr aber weiterhin verbunden. Er wünschte sich eine katholische Bestattung. Diesen Wunsch wollte ihm Benjamin Kühme erfüllen. Aber ihm war nicht wohl dabei, als er nach dem Tod von Achim damit begann, die Trauerfeier zu planen. Würde die Kirche mitspielen? Als er bei der Bestatterin vorsichtig anfragte, ob denn eine katholische Beerdigung überhaupt möglich sei, griff die zum Telefon und rief Ulrich Martinschledde an. Der Gemeindereferent leitet in Bünde katholische Bestattungsfeiern. Am Tag darauf trafen sich die beiden zu einem Gespräch.
„Ich habe immer auf das Aber gewartet, darauf, dass die Beerdigung nicht möglich ist. Aber es gab keine Probleme, ich konnte es nicht glauben“, sagt Benjamin Kühme.
Die Skepsis von Benjamin Kühme hat einen Grund. Auch er hat schlechte Erfahrungen mit dem kirchlich organisierten Glauben gemacht. Er ist in einer protestantischen Familie aufgewachsen, die einer strenggläubigen Freikirche angehört. Seine Homosexualität stieß in diesem Umfeld auf strikte Intoleranz, am Ende wurde er aus der Kirche ausgeschlossen. Auch die Verbindung zu seiner Familie wäre daran beinahe gescheitert. Die Entfremdung von der Kirche war groß – bei Achim und bei Benjamin Kühme. Beide fühlten sich zurückgestoßen von ihren Kirchen, die behaupten, homosexuell zu leben verstoße gegen ein „natürliches Gesetz“. Nach diesen Regeln lebten Achim und Benjamin Kühme „in Sünde“. Homosexuelle Paare dürfen in der katholischen Kirche nicht von einem Priester gesegnet und nicht kirchlich verheiratet werden. Wer als Jugendlicher mit dieser Ablehnung durch Familie und Kirche aufwächst, verinnerlicht den Zweifel an sich selbst und das Gefühl, nicht dazuzugehören. Er habe als Heranwachsender eine tiefe Sinnkrise erlebt, sagt Benjamin Kühme. Diese Erfahrung teilte er mit Achim, der sich in einem schwierigen Prozess aus seinem katholischen Herkunftsmilieu löste. Bei beiden geschah das nicht ohne Brüche und Verletzungen. Familiäre Verbindungen konnten nur schwer gehalten werden.
„Wenn du als Homosexueller denkst, dass du falsch bist, zweifelst du Gott an.“
Es sei nicht leicht gewesen, aus dieser Krise herauszukommen, sagt Benjamin Kühme. Irgendwann hätten beide, er und Achim, erkannt, dass nicht sie die Urheber ihrer Probleme waren. Dass die Gesetze der Kirche nicht göttlicher Natur waren, sondern menschengemacht. „Wenn ich an mir selbst zweifle, zweifle ich an der Schöpfung Gottes“, sagt Benjamin Kühme. „Es ist die Institution, die uns ausgegrenzt hat, nicht Gott. Wenn du denkst, dass du falsch bist, zweifelst du Gott an.“ Diese Einsicht zu gewinnen war eine Sache. Sie zu leben war eine andere. Beide Männer brauchten auf dem Weg therapeutische Begleitung und sie brauchten sich. Am Ende ihrer Beziehung, als er Achim nicht mehr helfen konnte, fand Benjamin Kühme Hilfe bei der Institution, bei der er das am wenigsten erwartet hatte: bei der Kirche. Benjamin Kühme hat lange in der Pflege gearbeitet. Als Achim krank wurde, war ihm bald klar, dass sein Lebensgefährte an einer schweren Erkrankung litt. Auf das, was folgte, war er dennoch nicht vorbereitet. Im September 2020 musste Achim in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Dort gewann gerade die zweite Welle der Corona-Epidemie an Wucht. Benjamin Kühme erlebte überforderte Pflegekräfte und Ärzte, die nicht mehr die Kraft aufbrachten, auf Patienten und Angehörige empathisch zu reagieren. „Sie haben mich sofort wieder rausgeschmissen“, sagt er. „Alle Informationen von außen, auch vom Hausarzt, wurden als störend empfunden und nicht wahrgenommen.“ Im Verlauf der Behandlung teilte man ihm mit, dass er keinen Zugang zu seinem Partner habe, weil er nicht mit ihm verheiratet sei.
„Es kommt auf die Menschen in der Kirche an. Die Basis ist anders.“
Im Oktober 2020 kam Achim noch mal zurück in das Haus, das er für sich und Benjamin Kühme am Habighorster Wiesental umgebaut und gestaltet hatte. Es folgten vier Wochen, die beide genossen. Gleichzeitig verschlechterte sich der Zustand von Achim. Anfang November musste er erneut eingeliefert werden. Alle Krankenhäuser lehnten die Aufnahme wegen Corona und mangelnder Kapazitäten ab. Nur dank seiner beruflichen Kontakte gelang es Benjamin Kühme, Achim in einem Krankenhaus unterzubringen. Schon bald wurde Achim auf die Intensivstation verlegt. Nach einer Notoperation wachte er nicht mehr aus der Narkose auf. Irgendwann musste Benjamin Kühme entscheiden, dass die Maschinen, die Achim am Leben erhielten, abgestellt werden sollten. Mit diesen frischen Erfahrungen, voller Trauer, wütend und verzweifelt traf Benjamin Kühme auf Ulrich Martinschledde – den katholischen Gemeindereferenten, den ihm das Bestattungsunternehmen empfohlen hatte. Benjamin Kühme war überzeugt, dass eine weitere negative Erfahrung folgen würde. Dass die Kirche nicht anders könne, als eine katholische Bestattung seines Lebenspartners abzulehnen. Doch das geschah nicht. Im Gegenteil, es wurde die Trauerfeier, die sich Achim gewünscht hatte. Sehr individuell und mit einer Predigt von Ulrich Martinschledde, die Benjamin Kühme als „wohltuend“ empfand. „Ich habe noch nie erlebt, dass ein Geistlicher dem verstorbenen Menschen in seiner Predigt so nahegekommen ist“, sagt Benjamin Kühme. „Es war eine wundervolle Feier.“ Auch Familie und Freunde von Achim waren ergriffen. „Ich glaube, vor allem Achims Vater war sehr glücklich über die Trauerfeier.
Die Trauerfeier war sehr individuell und mit einer Predigt von Ulrich Martinschledde, die Benjamin Kühme als „wohltuend“ empfand.
Illustration von Birgit Kloppenburg
Er hat mich fest in den Arm genommen. So richtig hatte keiner damit gerechnet, dass es eine katholische Beisetzung werden würde“, sagt Benjamin Kühme. Benjamin Kühme und Achims Familie war die katholische Trauerfeier wichtig, weil Achim in den letzten Lebensjahren seine katholischen Wurzeln immer wieder zum Thema gemacht und seinen Glauben nie verloren hatte. In den Wochen, als sich abzeichnete, wie schwerwiegend Achims Erkrankung war, hatte seine besorgte Familie den Kontakt gesucht. Die gemeinsame Trauer brachte die Familie und Benjamin Kühme endgültig näher: ein wenig durch den Verlust, vor allem aber durch ihre gemeinsame Geschichte. „Die würdevolle Bestattung hat dazu beigetragen“, ist Benjamin Kühme überzeugt. Auch nach der Bestattung blieb der Kontakt zur Kirche erhalten. Ulrich Martinschledde vermittelte eine Trauerbegleiterin, die Benjamin Kühme mehrfach besuchen durfte. Auch das hat ihm geholfen. „Aufgefangen wurde ich durch die Hilfsstrukturen der katholischen Kirche – durch keine andere Institution.“ Der Abschied von Achim hat Benjamin Kühme mit der Kirche versöhnt. „Es kommt auf die Menschen in der Kirche an. Die Basis ist anders“, sagt er. Er findet mittlerweile Trost in den Bildern und Symbolen der katholischen Kirche, die so ganz anders sind als die bewusst karg gehaltene Glaubenswelt der freikirchlichen Gemeinde, in der er aufgewachsen ist. Wenn Achim auf Reisen Kirchen besichtigte und dort eine Kerze entzündete, war Benjamin Kühme das fremd. Jetzt sucht er hin und wieder selbst eine Kirche auf und steckt dort eine Kerze an – in der Gewissheit, dass Achim sich darüber freuen würde.
Dieser Artikel erschien Ursprünglich in der Ausgabe 01/2021 des Kirchenmagazins „Fritz“ auf den Seiten 14 bis 17. Hier kommen Sie zum gesamten Magazin als PDF.
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