Dieser Artikel erschien Ursprünglich in der Ausgabe 02/2022 des Kirchenmagazins „Jetzt“
Ein Denkmal für Sinti und Roma
1939 erfasste das Paderborner Landratsamt alle „Zigeuner“, die im Kreis Paderborn lebten. In der Stadt Paderborn lebten 35 Sinti und Roma bei einer Gesamteinwohnerzahl von 42.000.
Schon wenige Jahre später hatten die Nazis im „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau mindestens fünf Menschen aus Paderborn ermordet, weil sie laut nationalsozialistischer Rassendiagnose als „Zigeuner“ oder „Zigeunermischling“ eingeordnet wurden. Weitere neun Menschen aus dem Kreis fielen dem Terror zum Opfer. In beiden Fällen handelte es sich überwiegend um Kinder und Jugendliche. Mindestens acht weitere Menschen wurden in den Konzentrationslagern gequält und misshandelt und überlebten nur knapp.
Die Diskriminierung setzte sich nach 1945 fort. Obwohl die Sachlage klar war, verhielten sich die Behörden bei den „Wiedergutmachungen“ nach dem Krieg alles andere als korrekt. Sie verzögerten die Antragsbearbeitung und erkannten die Haftzeiten nur teilweise an.
Robert Unger hat das alles erlebt. Ein Rückblick auf sein Leben und ein Denkmal für ihn, stellvertretend für das Schicksal aller Sinti und Roma, die dem Völkermord zum Opfer fielen.
Dass Robert Unger überlebt hat, ist eigentlich nicht vorstellbar. Am 11. November 1942 wurde er als „Zigeunermischling“ verhaftet. Er überstand die Konzentrationslager Buchenwald, Sachsenhausen, Dachau und Leitmeritz, ein Außenlager des KZ Flossenbürgen.
Während der drei Jahre in den verschiedenen KZ wurde Robert Unger mehrfach grausam misshandelt und einmal sogar angeschossen. Er überstand mehrere schwere Erkrankungen, die Folgen der unmenschlichen Lebensbedingungen waren.
Robert hatte überlebt, aber er war allein. Seine Frau Margarete und seine Kinder Ludwig, Dellof und Hugo waren tot – im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet. Es zog ihn nach Paderborn, der Stadt, in der er vor dem Krieg gelebt hatte. Zuerst war er in Neuhaus gemeldet, in den 1960-er Jahren dann in Paderborn, zusammen mit seiner zweiten Frau. Helene Unger, gebürtige Kreuz, hatte Ravensbrück und den Todesmarsch nach Bergen-Belsen überstanden, wo britische Soldaten sie befreiten.
Wie das Ehepaar mit den Traumatisierungen, mit den Ängsten und dem umfassenden Gefühl der Ausgrenzung umging, ist nicht bekannt. Robert Unger war nach den KZ Jahren gesundheitlich schwer belastet, das weiß man. Seine zweite Frau Helene Unger starb 1978 in Paderborn. Ihr Mann, Robert Unger, überlebte die Hölle der Konzentrationslager um 47 Jahre. Er starb 1992 in Paderborn.
Die beiden Ungers waren nicht im Kreis Paderborn zur Welt gekommen. Sie gehörten zu den Sinti und Roma, die in den 1930er-Jahren ins Westfälische zogen. Schon im September 1931, also vor der Machtergreifung der Nazis, berichtete das Westfälische Volksblatt aus Salzkotten im typisch diffamierenden Tonfall: „Einige Zeit hatten uns die braunen Söhne der Puszta in Ruhe gelassen, doch in den letzten Tagen scheint eine wahre Völkerwanderung unter ihnen zu herrschen. Tag für Tag durchziehen Dutzende von Wohnwagen unsere Stadt und kampieren in den umliegenden Ortschaften.“
Die Städte und Gemeinden reagierten mit Beobachtung, Kontrolle und Abschiebung. Auf diese Weise würden „Straftaten vermieden und es wird weiter erreicht, dass die Zigeuner solche Bezirke vermeiden“, stellt der Landrat des benachbarten Kreises Büren zufrieden fest.
Unter den Nazis verstärkte sich der Verfolgungsdruck. Im Juli 1937 fand der erste reichsweite „Zigeuner-Fahndungstag“ auch in der Region statt. Obwohl weitere Sinti und Roma nach Paderborn zogen, blieb ihre Zahl gering. Die Kriminalpolizei Paderborn meldete im Februar fünf Sinti Familien in Paderborn.
14 Sinti und Roma aus dem Kreis Paderborn wurden von den Nazis bis 1945 ermordet. Alle Mordopfer hatte man zuvor ins „Zigeunerlager“ Auschwitz-Birkenau geschafft. Die Todesurkunden der sechsjährigen Renate Weinrich unterschrieb am 6. Dezember der Lagerarzt Josef Mengele. Sie war sehr wahrscheinlich Versuchsperson für die unmenschlichen medizinischen Experimente von Mengele und ist an den Folgen gestorben.
Robert Unger hatte jedoch überlebt und begann ein neues Leben. Er verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Musiker und reisender Händler. Erst 1959, dann noch 1961 und 1964 erhielt er Kapitalentschädigungen. Seine Haftzeit wurde jedoch nur teilweise anerkannt.
„Unger wurde von den Behörden schikanös behandelt“, heißt es in einem Vortrag über das Schicksal der Paderborner Sinti und Roma, den Stadt- und Kreisarchivar Wilhelm Grabe im November hielt. Der Vortrag gehörte zum Rahmenprogramm der Ausstellung „Rassendiagnose Zigeuner“, die noch bis Anfang Januar im Stadtmuseum zu sehen ist.
Ungers schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen seien teilweise nicht anerkannt worden, erläutertet Wilhelm Grabe, unter anderem weil die Gutachter behaupteten, die Haft im Konzentrationslager hätten die körperlichen Schäden nicht verursacht. Die Bürokraten in den Behörden setzten auf eine Verzögerungstaktik. Mal fehlte der Nachweis der deutschen Staatsbürgerschaft, mal lehnte man Ungers Antrag mit dem Argument ab, Unger habe vor 1945 keinen festen Wohnsitz besessen und sei keiner regelmäßigen Betätigung nachgegangen – eine Verhöhnung und auch nach mehr als 60 Jahren noch beschämend, wenn man weiß, dass der Robert Unger vor 1945 im KZ um sein Leben gekämpft hatte.
„Dieses Unrecht muss bekannt werden“
Ein Interview mit Giano Weiß, der sich für die Erinnerung an die verfolgten und ermordeten Sinti und Roma aus Paderborn einsetzt.
Interview: Karl-Martin Flüter
Herr Weiß, Sie haben vor einigen Jahren die öffentliche Auseinandersetzung über die Verfolgung von Sinti und Roma in Paderborn während der Nazizeit neu entfacht. Wie ist es dazu gekommen?
Giano Weiß: Meine Großeltern mütterlich wie väterlicherseits haben vor und zum Teil nach dem Zweiten Weltkrieg in Paderborn gelebt. Als Jugendlicher habe ich mich mit der Familiengeschichte auseinandergesetzt. Schnell wurde klar, dass bis 2017, bis ich mich an das Büro des Bürgermeisters gewendet habe, nichts geschehen ist, das an die Verfolgung der Sinti und Roma aus Paderborner erinnert. Aus meinen Bemühungen resultierten Zeitungsartikel, eigene Berichte bis hin zur aktuellen Ausstellung in Paderborn.
Waren die traumatischen Ereignisse der Nazidiktatur in Ihrer Familie ein Thema?
Die Erinnerung wurde weitergetragen. Ich habe diese Geschichten zuerst in der Familie gehört. Aber es handelt sich um ein schweres und schwieriges Thema. Vor allem in der Generation, die auf die Generation der Opfer folgte, wurde die Verfolgung und Ermordung teilweise verdrängt, um sich in Paderborn einfinden und ein normales Leben fuhren zu können. Wenn man mit diesen Geschichten an die Öffentlichkeit geht, muss man sich outen und wird eventuell selbst diskriminiert. Das habe ich erlebt.
Was ist geschehen?
Das war in der Höheren Handelsschule in Paderborn. Es gab auf dem Pausenhof einige Schüler, die sich über die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung lustig machten. Ich hatte kurz zuvor mit einer Überlebenden gesprochen und fühlte mich persönlich angegriffen. Ich wollte Zivilcourage beweisen und war so naiv zu glauben, dass ich etwas aufklären könnte und auf offene Ohren stoßen würde. Am Ende war es so, dass niemand mehr mit mir sprach. Am nächsten Morgen lag ein Zettel mit einem Hakenkreuz auf meinem Tisch in der Klasse. Ich war fassungslos. Das führte so weit, dass ich die Klasse wechseln musste.
Die Menschen, die die Verfolgung und die Konzentrationslager überstanden hatten, wurden nach dem Krieg von den Behörden mit ausgeklügelter Niederträchtigkeit behandelt. Wie ist es Ihrer Familie ergangen?
Ein Urgroßvater von mir, Robert Unger, der das alles überlebt hatte, aber dessen gesamte Familie – Frau und drei Kinder – in Auschwitz-Birkenau ermordet worden waren, hatte den Mut, gegen die Behörden zu klagen. In der betreffenden Akte kann man nachlesen, wie die Behörden ihm antworteten, seine „zigeunerische Lebensweise“ sei Ursache für seine gesundheitlichen Probleme und nicht die Misshandlungen im KZ. Ein Teil der Familie Lagerin, mit der ich verwandt bin, ist nach dem Krieg nicht nach Paderborn zurückgekehrt, weil sie sich hier immer noch verfolgt fühlte.
Sie sind die dritte oder vierte Generation nach den Vorfahren, die verfolgt und ermordet wurden. Was macht das mit Ihnen, wenn Sie davon erfahren?
Ich fühle mich oft hilflos. Es spornt mich auch an, die Dinge aufzuklären. Dafür braucht man Selbstbewusstsein. Es ist schwer zu verstehen, dass ich das selbst machen musste. Für mich ist immer noch unbegreiflich, warum Menschen nach ihrer Herkunft und nicht nach ihrem Charakter beurteilt werden. Die Menschen, die das damals erlitten haben, sollen Anerkennung und Gerechtigkeit erfahren. Dieses Unrecht muss bekannt werden. Immer noch wird zu wenig akzeptiert, dass Menschen unterschiedliche Lebensentwürfe haben.
Was erwarten Sie von der Stadt?
Ich erwarte von der Stadt, dass Sinti und Roma die Anerkennung erfahren wie andere Opfergruppen, auch wenn es sich um eine vergleichsweise kleine Gruppe handelte. Auch sie wurden aus einer rassistisch motivierten Gesinnung gequält und ermordet. Ich fordere eine bleibende Erinnerung, nicht nur als Mahnung, sondern auch als Anerkennung eines Teils der Stadtbevölkerung, die über Jahrhunderte und bis in die Gegenwart Diskriminierung ausgesetzt war. Das hat sich geändert und kann sich weiter ändern. Ich habe festgestellt, dass sich mit jedem Gespräch etwas verändert. Die Vorurteile bröckeln. Vielleicht haben meine Großeltern und meine Eltern nicht umsonst gehofft, dass es mir und meinen Kindern leichter fällt, mit unserer Identität als Deutsche anerkannt zu werden.
Dieser Artikel erschien Ursprünglich in der Ausgabe 02/2022 des Kirchenmagazins „Jetzt“ auf den Seiten 26 bis 30. Hier kommen Sie zum gesamten Magazin als PDF.
Lesen Sie hier weitere Reportagen:
Die Versöhnung
Benjamin Kühme fühlte sich von der Kirche immer ausgegrenzt und zweifelte, ob eine katholische Bestattung für seinen Lebenspartner möglich wäre. Doch das Ritual und die einfühlsame Begleitung durch den Pastoralen Raum Wittekindsland halfen, alte Verletzungen zu heilen…
Etwas ganz, ganz besonderes
Rainer Schallenberg wollte schon immer einen Jazzclub leiten. 2019 erfüllt sich dieser Wunsch. Seitdem managt Rainer Schallenberg den Jazzclub mit großem Erfolg. Das liegt auch an seiner Kompetenz. Schließlich ist er selbst Rock-, Blues- und Jazzorganist. Er weiß, was Musiker brauchen…




