Dieser Artikel erschien Ursprünglich in der Ausgabe 01/2021 des Kirchenmagazins „jetzt!“

Berichte vom einsamen Sterben

Als die Pandemie im Frühjahr 2020 begann, verordneten die Behörden einen harten Lockdown. Die Krankenhäuser wurden zu Hochsicherheitsbereichen, in die wochenlang kein Besucher eingelassen wurde. Das hatte einschneidende Folgen, vor allem wenn Patienten während dieser Zeit starben. Die Hinterbliebenen leiden bis heute darunter, dass sie ihre verstorbenen Angehörigen nicht oder nur sehr eingeschränkt auf dem letzten Weg begleiten konnten. Einige von ihnen werden von der Trauerbegleiterin Lydia Willemsen betreut. Auch ihre therapeutische Arbeit leidet unter den Kontaktbeschränkungen.

Text: Karl-Martin Flüter
IIllustrationen: Birgit Kloppenburg

Illustration „Trauergruppe“ von Birgit Kloppenburg in Aquarell. Eine Person steht mit einem Regenschirm in melancholischer Szene.

Die Hölle im Warteraum

Vier Wochen lang hat Irene H. auf einen Besuchstermin bei ihrem Mann im Krankenhaus gewartet. Dann starb er. Was geschehen ist, quält sie bis heute.

Der 17. März 2020 war ein Dienstag. Das RKI meldete 7.156 Menschen, die sich mit dem neuartigen Corona-Virus infiziert hatten. 12 waren an der Krankheit Covid-19 verstorben. Fünf Tage später verständigten sich Bund und Länder auf die Beschränkung sozialer Kontakte im öffentlichen Leben.

Peter H. (74) war an diesem Tag wie so oft mit dem Fahrrad unterwegs. Wahrscheinlich hat ihn Corona nicht sehr beschäftigt. Der ehemalige Polizist hatte vor elf Jahren einen Infarkt erlitten, aber das schien lange her zu sein. Die Ärzte hatten seinen guten Gesundheitszustand noch im Januar bestätigt. Im Februar war er mit seiner Frau nach Ägypten verreist. Dass die Pandemie ihr Leben so sehr verändern und beeinträchtigen würde, konnte das Ehepaar nicht ahnen.

Am Abend dieses Tages brach sich Peter H. den Arm. Er hatte starke Schmerzen. Der herbeigerufene Notarzt lieferte ihn in ein Paderborner Krankenhaus ein. Schon am nächsten Tag wurde er operiert. Genau an diesem Tag wurde die Klinik, wie alle Paderborner Krankenhäuser, für Besucher geschlossen. Als Irene H. vor der Tür der Klinik stand, wurde sie nicht eingelassen. Eine Tasche mit den notwendigsten Kleidungsstücken nahm man ihr ab. Wie es ihrem Mann ging, konnte ihr niemand sagen.

„Ich habe mit allen Mitteln versucht, ihn zu besuchen“, sagt sie. Das Ehepaar war seit 44 Jahren verheiratet. „Es gab praktisch keinen Tag, an dem wir uns nicht gesehen haben.“ Jetzt wurde der Eingangsbereich des Krankenhauses zur unüberwindlichen Sperre zwischen den Eheleuten. Sie fragte, ob sie in ein Gästezimmer der Klinik ziehen könne, um ihrem Mann nahe zu sein. Auch das war nicht möglich.

8 Tage später, am 26. März, einen Tag nach seinem 75. Geburtstag, wurde Peter H. von der Chirurgie auf die Onkologie verlegt. Die Diagnose war nicht gut: Multiples Myelom, eine Form von Knochenkrebs. Trotzdem durfte Irene H. immer noch nicht zu ihrem Mann. „Es wäre doch einfach menschlich gewesen, wenn man mich auf irgendeine Weise zu ihm gelassen hätte“, sagt sie. „Nach der Diagnose wurde er immer kränker und trauriger.“ Am Telefon klagte ihr Mann über starke Schmerzen.

Am Ostermontag, dem 13. April, rief ein Oberarzt aus der Klinik an. Peter H. ging es sehr schlecht. Sie könne ihren Mann am nächsten Tag besuchen, sagte der Arzt zu Irene H. So sah sie ihren Mann nach vier Wochen Trennung voller Sorge wieder – eingepackt in Schutzkleidung und geschützt durch eine Maske. Eine Stunde dauerte der Besuch, die Ehepartner mussten einen Abstand von zwei Metern einhalten. Ihr Mann bat sie inständig, am nächsten Tag wiederzukommen. Die Chemotherapie setzte ihm schwer zu.

Einen Tag später, morgens gegen neun Uhr, rief Peter H. seine Frau an. Man wolle ihn verlegen, erzählte er. Er werde sich mittags wieder melden. Um 13 Uhr kam dann der Anruf, der Irene H. wie ein Blitz traf. Die Psychologin der Klinik war am Telefon. Ihr Mann sei reanimiert worden. Sie solle schnell in die Klinik kommen. Irene H. rief ihren Sohn an, wenig später standen beide im Eingangsbereich der Klinik.

Wieder wurde sie nicht in die Klinik eingelassen. „Ich musste in den Warteraum. Es dauerte und dauerte und ich wusste nichts“, erinnert sie sich. „Die Hölle kann nicht schlimmer sein. Das wünsche ich keinem Menschen.“ Der Albtraum wurde wahr, als ihr eine Ärztin mitteilte, ihr Mann sei gerade an einer Lungenentzündung gestorben. Weitere Erklärungen gab es nicht, nur den lapidaren Satz: „Wir waren selbst überrascht von dem Verlauf.“

„Die Hölle kann nicht schlimmer sein.  Das wünsche ich keinem Menschen.“

Erst zwei Stunden später führte man Irene H. zu ihrem Mann. Ein Krankenpfleger ging ihr voran durch endlos lange Gänge im Keller der Klinik, bis sie endlich einen abgelegenen Raum erreichten. Dort lag ihr Mann, allein, abgeschoben, weil man ihn für ein potenzielles Corona-Opfer hielt. Berühren durfte Irene H. ihren Mann auch zu diesem Zeitpunkt nicht. Mit Schutzkittel und Maske bekleidet, musste sie zwei Meter Abstand vom Bett halten. „Das war so schlimm, so entwürdigend“, sagt sie. Erst später erfuhr sie, dass ihr Mann nicht mit dem Virus infiziert war.

Vor allem dieser Abschied lässt Irene H. nicht mehr los. „Ich packe das nicht, ich komme da nicht mehr raus“, sagt sie noch ein Jahr später über ihre Trauer. Es quält sie, wie ihr Mann sterben musste: „Er hätte mich doch gebraucht.“ Im Juli 2020 schrieb sie einen Brief an das Krankenhaus. „Mit ein wenig Menschlichkeit wäre doch alles ein wenig anders gelaufen“, schrieb sie. „Es ist einfach, sich hinter Corona-Vorschriften zu verstecken.“

Ein Vertreter der Krankenhausleitung antwortete ihr per Brief und bot psychologische Hilfe an. Doch das Gespräch scheiterte, nachdem der Psychologe Irene H. eine, wie sie findet, lapidare Zusicherung gemacht hatte: „Das kriegen wir wieder hin.“ Diesen professionellen Optimismus empfand Irene H. wie einen Schlag ins Gesicht: „Mit dem wollte ich nichts zu tun haben.“ Danach schickte ihr die Klinik die Liste aller Paderborner Therapeuten – Wartezeit bis zu einem Jahr und länger.

In der Sache erkannte die Klink kein eigenes Versagen. Das Krankenhaus verstecke sich nicht hinter Vorschriften, sondern habe den Auftrag, alle zu schützen, auch wenn das mit harten Entscheidungen für Einzelne verbunden sei. Aber der Krankenhausmanager gestand in seinem Brief an Irene H. ein: „Unsere Schutzvorschriften hatten wohl den Eindruck hinterlassen, dass wir es an menschlicher Nähe haben fehlen lassen.“ Genauso sieht Irene H. das auch.

Illustration „Ärztin“ von Birgit Kloppenburg in Aquarell. Eine Ärztin mit Corona-Maske und Stethoskop signalisiert mit ihrer Hand „Stop“.

Der Satz, der alles veränderte

Seine Frau musste plötzlich ins Krankenhaus eingeliefert werden. Tagelang konnte Heinz P. keinen Kontakt mit ihr aufnehmen. Dann erfuhr er, dass sie stirbt.

Eigentlich stand an diesem Mittwoch im April 2020 nur ein Routinebesuch seiner Ehefrau beim Hausarzt an. Heinz P. war bei allen Untersuchungen in der Praxis dabei. Am Ende, nur das EKG stand noch aus, ging er schon mal zur Garderobe, um ihren Mantel zu holen. Als er zurückkam, herrschte Panik. „Wir brauchen dringend einen Krankenwagen“, rief der Arzt. Wie gelähmt sah Heinz P., wie seine Frau auf der Bahre durch den Gang geschoben wurde. Sie war an ihm vorbei, bevor er etwas sagen konnte.

Sie hatten eigentlich ihre Goldene Hochzeit geplant, auch wenn Corona das öffentliche Leben lahmlegte. Sie war bis zur Pensionierung eine bekannte und beliebte Lehrerin gewesen, er arbeitet als Selbstständiger. „Meine Frau war eigentlich immer gesund“, sagt er. Doch an diesem Tag im April saß er im Auto und fuhr zum Krankenhaus in Paderborn, ohne zu wissen, wie es um sie stand. Ein Blutgerinnsel im Hals habe sich gelöst, mehr hatte er in der Praxis nicht erfahren.

Am Eingang des Krankenhauses war Schluss: Corona. Niemand konnte ihm Auskunft geben, wo seine Frau war. Nicht mal die Tasche, die er für sie gepackt hatte, wollte man ihm abnehmen. Abends erfuhr er endlich, dass seine Frau offenbar noch immer in der Notaufnahme war. Sonst hieß es nur: „Wir können nichts sagen.“ „Ich konnte es nicht glauben“, sagt Heinz P.

Am Donnerstagabend konnte er zum ersten Mal wieder mit seiner Frau sprechen. Ein eigenes Telefon hatte sie zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht. Die Nachtschwester hatte ihr Telefon zur Verfügung gestellt. Sie sei sehr müde, sagte seine Frau.

Heinz P. ist als Selbstständiger erfolgreich. Er weiß, wie man Dinge durchsetzt. Er kennt den Chefarzt, der in der Klinik auch die Station leitete, auf der seine Frau lag. Auf seine besorgte Anfrage meldete sich der Mediziner am Freitagmorgen bei ihm. Die Einlieferung in das Krankenhaus lag da 48 Stunden zurück. Heinz P. hatte seine Frau seitdem nicht mehr gesehen. Es sei alles in Ordnung, sagte der Mediziner beruhigend, das Blutgerinnsel im Hals stelle keine Gefahr dar. Es stünden nur noch einige Untersuchungen an.

Das war eine Erleichterung – bis nur zwei Stunden später der nächste Anruf aus dem Krankenhaus kam: „Wir mussten ihre Frau auf die Intensivstation verlegen.“ Kurz nach Mittag klingelte das Telefon erneut. Was dann folgte, veränderte alles. Ein Oberarzt war in der Leitung: „Ihre Frau wird heute sterben.“

Heinz P. war abgrundtief entsetzt, als er den Satz hörte: „Ihre Frau wird heute sterben.“

Wie betäubt ließ sich Heinz P. zum Krankenhaus fahren – allein wäre er dazu nicht in der Lage gewesen. „Gut, dass mein Schwager in der Nähe war“, sagt er. Seine Frau starb am frühen Samstagabend. Als er endlich zu ihr konnte, war sie nicht mehr ansprechbar.  Nur er, als ihr Mann, durfte zu ihr. Die Kinder wurden mit Verweis auf die Corona-Regeln nicht ins Krankenhaus und ans Totenbett gelassen.

Einige Wochen später hat Heinz P. das Gespräch mit den Ärzten des Krankenhauses gesucht. Der brutale Satz am Telefon – „Ihre Frau wird heute sterben“ – ließ ihn nicht los, lässt ihn bis heute nicht los. Hätte man vorher wissen können, wie es um seine Frau stand? Und hätte man ihm die schlimme Nachricht nicht persönlich im Krankenhaus statt anonym am Telefon mitteilen können? An dem Gespräch nahm der Oberarzt teil, der Heinz P. angerufen hatte. Er entschuldigte sich. Er hätte Heinz P. anders informieren sollen, gestand er ein. Medizinisch habe man die Krise nicht voraussehen können, betonten beide Ärzte. Zwei Blutgerinnsel im Gehirn waren die Ursache für den Tod gewesen.

„Wenn meine Enkelin aus München anruft – das holt mich wieder hoch.“

Die Bestattung fand im kleinen Kreis statt. Nur zehn Menschen nahmen am Grab Abschied. Der Mann, der nur einige Tage zuvor mit seiner Frau ein großes Fest zur Goldenen Hochzeit geplant hatte, lebt seitdem allein. Die Kinder wohnen in anderen Städten. Wenn ihn die Enkelin aus München am Telefon fragt, ob er zu Besuch kommen wolle, ist das einer der wenigen Momente, in denen er sich getröstet fühlt. „Das holt mich wieder hoch“, sagt er.

Die Leute wollen nicht immer dieselbe Geschichte von ihm hören, das weiß Heinz P. mittlerweile. Es ist die Geschichte, die ihm seit dem Arztbesuch vor einem Jahr immer wieder im Kopf herumgeht. Warum er nichts zu seiner Frau sagen konnte, als sie an ihm vorbei aus der Praxis gefahren wurde. Wie verzweifelt er war, als man ihm keine Auskunft im Krankenhaus gab. Seine Freude, als er hörte, seine Frau könne bald entlassen werden. Und sein abgrundtiefes Entsetzen, als er den Telefonhörer abnahm und den Satz hörte: „Ihre Frau wird heute sterben.“

Illustration „Löwenzahn“ von Birgit Kloppenburg in Aquarell. Ein Löwenzahn wächst aus dem Boden.

„Die Stärke wächst unmerklich“

Die Lebens- und Trauerbegleiterin Lydia Willemsen berät trauernde Menschen – während der Corona-Pandemie notgedrungen auch am Telefon.

Zuhören, auch wenn es immer wieder dieselben Geschichten sind. Das ist die wichtigste Aufgabe der Trauerbegleiterin Lydia Willemsen. Trauerbegleitung ist Beziehungsarbeit. „Wenn die Menschen zu mir kommen, sind sie oft noch in der Schockphase nach dem Verlust“, sagt Lydia Willemsen, „und dann geht es vor allem um die Frage, wie man durch den Tag kommt.“ Zuhören, um dem Gegenüber deutlich zu machen, dass es da noch eine Welt außerhalb der alles verschlingenden Trauer gibt, Menschen, Beziehungen, Gefühle, für die es sich lohnt zu leben.

Diese intensive Beziehung braucht die Intimität des persönlichen Zusammenseins. Im März und April vor einem Jahr, während der ersten Corona-Welle, musste Lydia Willemsen zwei Monate lang mit dem Telefon arbeiten.

Die Unmittelbarkeit fehlte. Lydia Willemsen will die Menschen berühren, immer im übertragenen Sinne, oft auch wortwörtlich. „Sich vom Leben berühren lassen“ ist das Motto, das auf dem Flyer der Trauerbegleitung steht. Am Telefon war das nicht möglich. Es kam zu Situationen, die Lydia Willemsen beunruhigten. „Wenn dann Sätze fallen wie: Ich bringe mich jetzt um. Im persönlichen, direkten Gespräch unter vier Augen sehe ich, ob und wie ernst das zu nehmen ist. Am Telefon geht das aber nicht.“

Auch Irene H. und Heinz P. hat Lydia Willemsen zuerst am Telefon kennengelernt. In den ersten Wochen, immer die intensivsten der Trauer, konnte sie beide nur betreuen, ohne sie wirklich kennengelernt zu haben. Erst im Juni, als die Infektionsraten abklangen, kamen beide zum ersten Mal in ihre Beratungsräume.

Wie die meisten Ratsuchenden sind auch Irene H. und Heinz P. über die Vermittlung ihrer Hausärzte zu Lydia Willemsen gekommen. Die Mediziner waren in Sorge um das psychische und das körperliche Wohlbefinden ihrer Patienten. Wer tief in der Trauer steckt, vernachlässigt selbst seine Grundbedürfnisse. „In dieser Phase der Beratung geht es um eigentlich selbstverständliche Dinge“, sagt Lydia Willemsen, „regelmäßig essen, ausreichend schlafen, einmal am Tag rausgehen, mit anderen Menschen sprechen.“

Noch schwieriger wird es unter den Bedingungen der Corona-Pandemie, weil die sozialen Kontakte eingeschränkt sind. „Es gibt ja keine Cafés oder Restaurants, in denen man sich mal einfach so treffen kann, die Kinos und die Theater sind geschlossen, auch die Sportvereine und Fitnessclubs. Alles, was gut ist für Trauernde, was sie wieder in die Gemeinschaft zurückbringt, fällt weg“, sagt Lydia Willemsen. „Trauer ist immer schwer, aber Corona macht es noch schwerer.“

Dennoch weiß die Trauerbegleiterin, dass sie sich in dieser schwierigen Situation auf die Selbstheilungskräfte ihrer Besucher verlassen kann. „Das ist eine Generation, die vieles überstanden hat“, sagt sie, „Krieg und Nachkriegszeit, eine Erziehung und Jugend, die sehr viel härter waren als das, was jüngere Generationen gewohnt sind. Diese Erfahrungen machen Menschen widerstandsfähig, auch in solchen existenziellen Krisen.“

Das gilt auch für Irene H. „Ich sehe das Blitzen in deinen Augen, das sich hinter deiner Trauer versteckt“, sagt Lydia Willemsen zu ihr und die beteuert: „Lydia, du hast mir schon so sehr geholfen.“ Dabei ist es Irene H. auf den ersten Blick kaum anzumerken, dass es ihr besser geht als vor einem Jahr. „Das braucht Zeit“, sagt Lydia Willemsen, „die Stärke wächst am Anfang oft unmerklich.“

Im Sommer 2020 konnte Lydia Willemsen nach dem Ende der ersten Welle wieder zu ihren Gruppen einladen, darunter auch eine neue Gruppe für Menschen in der zweiten Lebenshälfte, die kurz zuvor ihre Partnerin oder ihren Partner verloren hatten – also während der Pandemie. Irene H. und Heinz P. gehörten dazu. Im Dezember musste die Gruppe wieder schließen. Wenn alle geimpft sind, geht es in einigen Wochen vielleicht wieder los.

In der Trauerbegleitung der Caritas gibt es die unterschiedlichsten Gruppen: für Menschen zwischen 40 und 50, für Kinder, für junge Erwachsene. Gruppen sind wichtig, damit die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehen, dass sie nicht allein sind. Die anderen verstehen ihren Schmerz – auch, dass sie darüber immer wieder reden müssen. Auf so viel Verständnis können sie außerhalb der Gruppe nicht hoffen.

Häufig vernetzen sich die Teilnehmer außerhalb der Gruppe. „Auch das hilft, den Trauerberg hinaufzugehen“, sagt Lydia Willemsen. Sie hat in der Zeit, in der ihre Gruppen nicht stattfinden konnten, Briefe an alle Teilnehmenden verschickt – nicht mehr als ein Symbol, das dennoch dankbar aufgenommen wurde.

„Ohne Zuversicht und Hoffnung, dass es besser wird, würde ich keine Termine mehr mit Ratsuchenden machen. Dann könnte ich gleich aufhören.“

Die „Coronagruppe“, der Irene H. und Heinz P. angehören, ist Lydia Willemsen aus einem Grund besonders wichtig. Die Menschen, die während der Pandemie gestorben sind, und ihre trauernden Hinterbliebenen werden in der öffentlichen Wahrnehmung oft vergessen. Dabei sind auch sie unter schwierigen und oft unwürdigen, sogar unmenschlichen Bedingungen gestorben – oft konnten sie ihre Lebenspartner nicht mehr sehen, so wie bei Irene H. und Heinz P.

Anders als bei den an Corona Verstorbenen wurde dieser Menschen nicht oder nur am Rande gedacht. „Dabei verdienen sie die Erinnerungen – nach allem, was mit ihnen und ihren Angehörigen geschehen ist, der Isolation und der Einsamkeit“, sagt Lydia Willemsen. „Das kann man nicht mehr gutmachen, aber ein Gedenken wäre so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit.“

Irene H. und Heinz P. werden Zeit brauchen, bis sie die Trauer mehr und mehr hinter sich lassen können. Das hängt auch davon ab, wie sich die Pandemie entwickelt. „Ich verliere nicht die Zuversicht“, sagt Lydia Willemsen. „Ohne Zuversicht und Hoffnung, dass es besser wird, würde ich keine Termine mehr mit Ratsuchenden machen. Dann könnte ich gleich aufhören.“

„Trauer ist immer schwer, aber Corona macht es noch schwerer.“

Illustration „Trauergruppe“ von Birgit Kloppenburg in Aquarell. Ein Stuhlkreis, in dessen Mitte sich zwei Personen umarmen.

Dieser Artikel erschien Ursprünglich in der Ausgabe 01/2021 des Kirchenmagazins „Jetzt“ auf den Seiten 06 bis 13. Hier können sie den gesamten Artikel als Auszug aus dem Heft herunterladen.

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